Einleitung
Bei der Beschäftigung mit Innendämmung taucht regelmäßig die Frage auf, ob und ab welcher Dämmstärke ein feuchtetechnischer Nachweis wirklich erforderlich ist. Sprich: Ab welcher Dämmstoffdicke, bzw. welchem Wärmedurchlasswiderstand ist eine Innendämmung eine Innendämmung. Zur Definition ist es jedoch wichtig, den gesamten Wandaufbau zu betrachten, da die Auswirkung einer Innendämmung nur in Kombination mit der betreffenden Außenwand beurteilt werden kann. Hier muss somit differenzierter vorgegangen werden.
Notwendige Definitionen
Zur Beurteilung der Frage „Ab wann ist eine Innendämmung eine Innendämmung“ müssen zuerst wichtige Festlegungen getroffen werden:
- Dämmstoff: Wärmeleitfähigkeit ca. λ ≤ 0,1 W/(m·K)
Zu den klassischen Dämmstoffen können in aller Regel alle Materialien gezählt werden, die eine Wärmeleitfähigkeit von kleiner 0,1 W/(m·K) aufweisen. Diese Grenze ist jedoch fließend und nicht exakt festgelegt. - Unterschiedliche Baustoffe
Damit sich eine kritische „Tauwasserebene“ bilden kann, ist ein weiterer Wandbildner mit deutlich höherer Wärmeleitfähigkeit (λ ≥ 0,5 W/(m·K)) notwendig. Ein homogener Baustoff führt zu einem kontinuierlichen Temperatur- und Feuchtegefälle. Erst eine Bestandswand auf der Außenseite mit höherer Wärmeleitfähigkeit und höheren Diffusionswiderstand als der Dämmstoff führt zu einem möglichen Kondensationsrisiko.
Kennzeichnende Größe: Wärmedurchlasswiderstand Ri der Innendämmung
Es ist allseits bekannt, dass die feuchtetechnischen Risiken mit wachsendem Dämmniveau der Innendämmung ansteigen. Die allgemeine kennzeichnende Größe ist hier der Wärmedurchlasswiderstand Ri der Innendämmung. Zugehörige technische Normen und Regelwerke beziehen sich bei der Klassifikation von Innendämmungen auf diese Größe.
Es ist jedoch nicht zulässig, die Dämmwirkung der Innendämmung ohne Berücksichtigung der Außenwand zu betrachten. Je höher der Wärmedurchlasswiderstand RAW der Außenwand ist, desto weniger wirkt sich eine Innendämmung aus (siehe FVID-Nachgedacht 05/2020 [1]). Während eine 2 cm dicke Innendämmung bei einem Fachwerkgebäude mit RAW ≈ 0,4 m²·K/W schon zu einer kritischen Tauwasserbildung führen kann, ist die gleiche Innendämmung bei einer Bestandswand, welche den heute gültigen Mindestwärmeschutz für Außenwände nach [2] von R ≥ 1,2 m²·K/W aufweist, sogar langfristig tauwasserfrei [3].
Trotz der bekannten und befürchteten Auswirkungen einer Innendämmung gibt es daher eine untere Bagatellgrenze, unterhalb der zwar reduzierte Effekte, für die sich einstellende Oberflächentemperatur jedoch nur vernachlässigbare feuchtetechnische Auswirkungen gegeben sind.
Nachweisfreie Innendämmungen nach DIN 4108-3
Die aktuelle DIN 4108-3 [3] listet unter dem Punkt „Nachweisfreie Konstruktionen“ zwei Voraussetzungen für die Nachweisfreiheit von Innendämmungen auf:
- Wärmedurchlasswiderstand der Innendämmung Ri ≤ 1,0 m²·K/W und sdi ≥ 0,5 m
Diese Grenze der Nachweisfreiheit findet sich schon länger in der DIN 4108-3. Auch wenn ein Nachweis auf Basis des Periodenbilanzverfahrens zu einem unzulässigen Tauwasserausfall führen sollte, bestätigt dies die Praxis nicht. Zur Definition des Mindestdiffusionswiderstands sdi siehe auch FVID – Nachgedacht 2/2019 „Zur Definition des innenliegenden Diffusionswiderstands sdi“ [4]. - Wärmedurchlasswiderstand der Innendämmung Ri ≤ 0,5 m²·K/W
Der Verzicht auf einen Mindestdiffusionswiderstand bei der unteren Grenze erfasst die Situation einer klassischen „Schimmelsanierung“. Die nachträgliche Innendämmung einer Gebäudeecke wird in aller Regel mit dünnschichtigen und diffusionsoffenen Materialien durchgeführt, die nicht unter dem ersten Punkt erfasst werden. Streng genommen müsste hier im Einzelfall bei einer Schimmelsanierung ein feuchtetechnischer Nachweis geführt werden. Aus diesem Grund gibt es seit 2014 diese Öffnungsklausel.
Der Schlagregenschutz nach DIN 4108-3 muss in jedem Fall gesondert geprüft und eingehalten werden.
Bagatellgrenze
Unter Beachtung der oben genannten Ausführungen lässt sich eine untere Grenze, ab wann eine Innendämmung als Innendämmung wirkt bzw. ab welchem Dämmniveau die feuchtetechnischen Auswirkungen nachgewiesen werden müssen, festlegen mit:
- Der Wärmedurchlasswiderstand Ri des innenliegenden Dämmstoffs ist ≤ 0,5 m²K/W und beträgt maximal
20 % des Gesamtdurchlasswiderstands des Außenbauteils Rges [2].
Dies soll an zwei Beispielen verdeutlicht werden:
- Außenwand RAW = 1,2 m²·K/W; Innendämmung Ri = 0,5 m²·K/W; Rges = 1,2 + 0,5 = 1,7 m²·K/W
Anteil der Innendämmung Ri/Rges = 0,5/1,7 = 0,294 bzw. 29% → oberhalb der Bagatellgrenze, Nachweisführung erforderlich (Das Ergebnis der Nachweisführung ist hier nach DIN 4108-3: nachweisfrei) - Außenwand RAW = 2,2 m²·K/W; Innendämmung Ri = 0,5 m²·K/W; Rges = 2,2 + 0,5 = 2,7 m²·K/W
- Anteil der Innendämmung Ri/Rges = 0,5/2,7 = 0,185 bzw. 18,5% → unterhalb der Bagatellgrenze, kein Nachweis erforderlich
Hinweise zur Nachweisführung
Bei den feuchtetechnischen Auswirkungen der Innendämmung und der entsprechenden Nachweisführung ist eine Fallunterscheidung zwischen einem Diffusionswiderstand sdi ≤ 0,5 m (diffusionsoffen) und sdi > 0,5 m (diffusionsmindernd) erforderlich. Ohne zusätzlichem Diffusionswiderstand (diffusionsoffen nach DIN 4108-3) können erhebliche Kondensationsmengen insbesondere bei geringem Wärmedurchlasswiderstand der Außenwand RAW auftreten. Schon geringe Diffusionswiderstände reichen aus, um eine Kondensation zu vermeiden. Weitere Hinweise finden sich im WTA-Merkblatt 6-4 [5].
Literaturangaben
- [1] FVID (Hrsg.): FVID – Nachgedacht 5/2020 – Kombination von Innen- und Außendämmung, geht das?
- [2] DIN 4108-2:2024-03: Wärmeschutz und Energieeinsparung in Gebäuden – Teil 3: Klimabedingter Feuchte- schutz – Anforderungen, Berechnungsverfahren und Hinweise für Planung und Ausführung; Beuth-Verlag Berlin 2024
- [3] Worch, A.: Zur Beurteilung der maximal möglichen energetischen Ertüchtigung bei innenliegenden Dämmun- gen. In: WTA-Schriftenreihe 35, Dauerhaftigkeit und Instandsetzung von Beton und Energieeffizienz von Gebäu- den, München 2011
- [4] FVID (Hrsg.): FVID – Nachgedacht 2/2019 – Zur Definition des innenliegenden Diffusionswiderstands sdi [5] WTA (Hrsg.): WTA-Merkblatt 6-4: Innendämmung nach WTA I: Planungshilfe, IRB-Verlag Stuttgart 2016